Rente stärken

Gencel Bagci (53), Lübeck, kaufmännischer Angestellter

Gencel Bagci (53), Lübeck, kaufmännischer Angestellter

Gencel Bagci, 53 Jahre alt, lebt als kaufmännischer Angestellter in Lübeck und stammt aus der Türkei.

Ohne Sprache kommt man nicht weit. Das wusste ich, als ich 1988 zu meiner Frau nach Deutschland zog. Darum war ich sehr bemüht, Deutsch zu lernen. Gleich mehrere Sprachkurse bei der Volkshochschule habe ich besucht und aus eigener Tasche bezahlt.

Vier Jahre ohne Job

Meine Frau ist die Tochter türkischer Gastarbeiter und lebt in Deutschland, seit sie 13 ist. Ich habe sie in ihren Ferien in der Türkei kennengelernt. Damals galt in der Bundesrepublik das Ausländergesetz. Als ich in Lübeck ankam, erfuhr ich: Ich durfte nicht arbeiten. Was macht man als junger Mann, frisch verheiratet, voller Energie, ohne Job?  Ich konnte doch nicht die ganze Zeit lernen! 1989 bekamen wir unser erstes Kind. Ich hätte gern anstelle meiner Frau in der Verpackungsfirma gearbeitet. Ihr Chef war dafür, aber das Arbeitsamt hat abgelehnt. Ich habe dem Arbeitsamt viele weitere Vorschläge gemacht, doch nie hatte ich damit Erfolg. Das damalige Ausländergesetz  bevorzugte zuallererst Deutsche, dann Europäer. Wer wie ich aus einem Drittland einwanderte, durfte bis zu vier Jahre keinen Job annehmen.

Mit der Rente könnte es knapp werden. Die vier Jahre, in denen ich keinen Job hatte, fallen ins Gewicht. Wenn ich wirklich bis 2032 gesund bleibe und arbeiten kann, sind wir abgesichert. Aber was, wenn etwas dazwischen kommt?

Gencel Bagci (53), lebt als kaufmännischer Angestellter in Lübeck und stammt aus der Türkei

Aber ich wollte arbeiten! Sogar einen Rechtsanwalt habe ich eingeschaltet, um das Arbeitsamt zu verklagen. Er hat bergeweise Akten studiert und mir nach viel Schriftverkehr mit dem Arbeitsamt von einer Klage abgeraten. Um das Gesetz kam man einfach nicht herum. Also blieb ich mit dem Kind zu Hause, und meine Frau verdiente das Geld. Es war für mich frustrierend, dass ich meine Familie finanziell nicht unterstützen konnte. Ich wollte schon zurückgehen in die Türkei, konnte allerdings meine Frau nicht dazu bringen, dem zuzustimmen.

Wenn ich gesund bleibe

1992 fand ich dann endlich eine Stelle in der Küche der Uniklinik in Lübeck. In der Türkei hatte ich als Steuergehilfe gearbeitet. Aber mit meiner Ausbildung konnte ich hier nichts anfangen. Bald wurde ich Vorarbeiter und gab den Leuten Anweisungen. Ich war sehr froh, endlich Arbeit zu haben. Ich empfand es so: Man hat mich wieder als Mensch gesehen.

Fünf Jahre war ich in dieser Firma. Dann wurde ich krank. In der Küche zu arbeiten war nicht mehr möglich. Ich wollte in den kaufmännischen Bereich zurück. Eine Weile war ich erwerbslos. Das Arbeitsamt bewilligte mir eine Umschulung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Heute bin ich kaufmännischer Angestellter im Bereich soziokulturelle Arbeit. Der Job erfüllt mich.

Aber mit der Rente könnte es knapp werden. Die vier Jahre, in denen ich keinen Job hatte, fallen ins Gewicht. Wenn ich wirklich bis 2032 gesund bleibe und arbeiten kann, sind wir abgesichert. Aber was, wenn etwas dazwischen kommt?

  • Migration und Rente: Die Rentenbiografien von Migrantinnen und Migranten unterscheiden sich oft von denen anderer Beschäftigter

    Migrantinnen und Migranten sind vom Risiko der Altersarmut besonders hart betroffen. Der Grund: Die Höhe der eigenen Rente hängt vor allem davon ab, wie lange man gearbeitet und wie viel man in dieser Zeit verdient hat. Allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen wirken sich auf die Rentenbiografien aus: Immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten unter prekären Bedingungen, der Niedriglohnsektor ist seit den 90er Jahren gewachsen, die Erwerbsbiografien sind unstet. Aber auch die Politik entscheidet darüber, wie viel Geld man im Alter bekommt. Denn die Rente ist „dynamisiert“. Steigen die Löhne, sollten eigentlich auch die Renten üppiger ausfallen – den genauen Umfang legt die Regierung fest. Doch die Politik will, dass die Renten hinter den Löhnen zurückbleiben. Rot-Grün hat vor fünfzehn Jahren beschlossen, die Renten abzusenken. Auch darum gibt es Altersarmut.

    Wer aus einem anderen Land eingereist ist, kommt im Alter meist kaum über die Runden. Denn häufig arbeiten Migrantinnen und Migranten der ersten Generation in schlecht bezahlten Jobs. Sie haben durch fehlende Arbeitsgenehmigungen, Wartezeiten und Umschulungen meist Lücken in ihrem beruflichen Lebenslauf. Und können so nur geringe Rentenansprüche erwerben.

    Hinzu kommt, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft Netzwerke fehlen, dass Sprachbarrieren sich ungünstig auswirken, Berufsabschlüsse nicht anerkannt werden. Zweitweise durften sie nicht arbeiten – auch das schlägt sich in den Renten nieder.

    Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund unter dem Risiko der Altersarmut leiden, ist nicht leicht in Zahlen zu fassen. In der Statistik gilt jeder, der keinen deutschen Pass hat, als Migrant. Eine einfache Methode, an Zahlen zu gelangen – und dabei fehlerhaft. Denn eigentlich sind viel mehr Menschen „Migranten“.

    Mit ihrer Rentenkampagne vor der Bundestagswahl wollen die Gewerkschaften im DGB die gesetzliche Rente stärken. Der Niedriglohnsektor soll bekämpft, Arbeitslosigkeit eingedämmt werden. Außerdem soll eine Erwerbstätigenversicherung eingeführt werden, damit auch Solo-Selbständige gesetzlich rentenversichert sind – entscheidend gerade für Migranten, die besonders häufig in die Selbständigkeit gehen.

    (Monika Goetsch)

Gencel Bagci

Bagci Gencel quer
Foto/Grafik: Veit Mette