Rente stärken

Isabell S. (29), Zustellerin bei der Deutschen Post und Betriebsrätin

Isabell S. (29), Zustellerin bei der Deutschen Post und Betriebsrätin

„Ich lasse doch nicht andere entscheiden, wie ich leben will. Dafür leben wir in einer Demokratie und das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen. Denn für das allgemeine Wahlrecht wurde lange gekämpft, ein fahrlässiger Umgang mit dem Wahlrecht geht daher gar nicht. Wenn man sich den Umgang mit Arbeitnehmerrechten anschaut, dann ist da in den letzten 10 bis 15 Jahren eine Menge falsch entschieden worden.

"Wer von Rente mit 70 spricht, den lade ich gerne mal ein, vier Wochen mit auf die Post-Zustellung zu kommen."

Isabell S. (29), Zustellerin bei der Deutschen Post und Betriebsrätin

Das ist der Tatsache geschuldet, dass Lobby-Verbände immer mehr Einfluss auf Politik nehmen und man sich als junger Mensch schon die Frage stellt: Wer macht denn jetzt Politik? Nun sind wir als Gewerkschaft ja auch Lobbyisten, und an sich ist das auch keine schlechte Sache. Sobald aber Lobbyismus dazu führt, dass Standards herabgesenkt und nur noch Interessen von Konzernen und des Kapitals durchgesetzt werden, finde ich das gefährlich.

Von der zukünftigen Regierung erwarte ich, dass sie an Menschen in der Phase der Ausbildung, des Erwerbslebens und der Rente denkt. Denn eine gute Ausbildung ist ja der Grundstein für ein gutes späteres Leben. Und ich finde, wir sind in Deutschland meilenweit entfernt von einer guten Ausbildung. Viele Azubis müssen zum Beispiel bereits in der Ausbildung Überstunden machen oder werden aufgrund von Zeitmangel im Betrieb nicht gut ausgebildet. Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie. Seit vielen Jahren gibt es einen Fachkräftemangel, während wir gleichzeitig unheimlich viele Jugendliche haben, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden.

Dann sollten die sachgrundlosen Befristungen im Teilzeit- und Befristungsgesetz unbedingt abgeschafft werden. Das sagt ja der Begriff selbst, es gibt keinen Grund dafür. Fast ein Viertel der unter 35-Jährigen arbeitet derzeit in prekären Arbeitsverhältnissen. Da muss sich echt etwas ändern, damit diese Leute nicht von Anfang an auf einem beruflichen und sozialen Abstellgleis stehen. Und wenn Unions-Politiker jetzt von der Rente mit 70 sprechen, dann lade ich die gerne mal ein, vier Wochen mit auf Zustellung zu kommen. Mal sehen, was sie danach sagen.“

Isabell S.
Foto/Grafik: ver.di