Rente stärken

Cecilia R. (58), Niedersachsen, Codiererin

Cecilia R. (58), Niedersachsen, Codiererin

Cecilia R. (58), lebt seit vielen Jahren in Deutschland (Niedersachsen). Sie stammt aus Lima, Peru. Ihr Studium wurde in Deutschland nicht anerkannt. Also hat sie einen Hilfsjob angenommen. Ihre Rente wird ungefähr vier- bis fünfhundert Euro betragen. Um sich finanzieren zu können, will sie sich als Rentnerin selbständig machen. 

Ich bin aus Liebe zu einem Mann nach Deutschland gekommen. Hier habe ich von Null angefangen. Die fremde Sprache, das Leben im Ausland: Das ist wie eine Wiedergeburt. Meinen Ex-Mann habe ich am Amazonas kennengelernt, auf der Promenade von Iquitos.

Damals hatte ich mein Studium der Betriebswirtschaft abgeschlossen. Ich arbeitete als Projektassistentin in einem Landwirtschaftsprojekt der peruanischen Regierung in Kooperation mit der US-amerikanischen North Carolina University.

Meine Geschwister und ich sollten studieren

Meine Mutter konnte weder lesen noch schreiben. Sie kommt aus einem Dorf im Norden Perus und hat meine drei Geschwister und mich großgezogen. Das war für sie schwer, aber sie wollte, dass ihre Kinder studieren. Sie hat das geschafft. Außerdem hat sie in der Gewerkschaft gekämpft. In Peru war das zeitweise lebensgefährlich. Daher bewundere ich sie sehr für ihren Mut.

1987 habe ich geheiratet. Sonst hätte ich nicht in Deutschland bleiben können. Fünf Jahre später kam meine Tochter auf die Welt. Im Jahr 2000 haben mein Mann und ich uns getrennt.

Für eine Frau bedeutet Scheidung Armut. Die Männer haben die besseren Jobs. Man entscheidet sich entweder für die Kinder oder für die Karriere. Equal pay gibt es immer noch nicht. Die Familienstrukturen in Deutschland sind konservativ. Das war eine Riesenenttäuschung für mich, als ich ankam. Ich hatte in Peru viel Simone de Beauvoir gelesen und gedacht, die Frauen in Deutschland seien emanzipiert.

"Meine Rente wird ungefähr vier- bis fünfhundert Euro betragen. Das ist natürlich zu wenig. Eine private Vorsorge konnte ich mir wegen meines niedrigen Gehaltes nicht leisten. Mir macht das große Angst. Um mich finanzieren zu können, will ich mich als Rentnerin mit einem Übersetzungs- und Beratungsbüro selbständig machen. Aber das klappt nur, wenn ich gesund bleibe."

Cecilia R., 58 Jahre alt, Niedersachsen, stammt aus Lima

Hilfsjob, Teilzeit, kleine Rente

Mein Studium wurde in Deutschland nicht anerkannt. Also habe ich vor 21 Jahren einen Hilfsjob bei der Deutschen Post angenommen. Weiterbilden konnte ich mich nicht, da ich Mutter war und schon bald: alleinerziehend. Inzwischen arbeite ich Teilzeit, als Codiererin. Das ist körperlich sehr anstrengend. Meine Rente wird ungefähr vier- bis fünfhundert Euro betragen. Das ist natürlich zu wenig. Eine private Vorsorge konnte ich mir wegen meines niedrigen Gehaltes nicht leisten. Mir macht das große Angst. Um mich finanzieren zu können, will ich mich als Rentnerin mit einem Übersetzungs- und Beratungsbüro selbständig machen. Aber das klappt nur, wenn ich gesund bleibe. Vielleicht pendele ich auch zwischen Peru und Deutschland hin und her. Das wäre für mich das Paradies, weil ich beide Länder liebe. Auf keinen Fall soll meine Tochter mich pflegen müssen. In meiner Heimat unterstützen die Generationen einander. Hier nicht.

Ich fahre nur nach Hause, wenn ich es mir finanziell leisten kann. Immer, wenn ich nach Lima zurückkomme, bin ich geschockt, wie laut und schmutzig dort ist. Im Gegensatz zu Peru bietet Deutschland eine andere Art von Lebensqualität. Hier spüre ich Geborgenheit und Sicherheit. Nie habe ich bereut, hergekommen zu sein. Es ist ja vieles gut in Deutschland. Man hat Rechte, bekommt Sozialleistungen. Man hat die Krankenversicherung. Ich kann meine Meinung äußern. Auch hier gibt es Armut, klar. Aber Armut in Peru ist anders. Da geht es um Leben und Tod. Als Rentnerin in Deutschland werde ich zwar ein bescheidenes Leben führen müssen. Aber hungrig ins Bett gehen: Das werde ich nicht.

Es geht mir vor allem um die Frauen

2013 studierte ich an der Universität Oldenburg „Interkulturelle Bildung und Beratung“. Der Satz eines Professors ist für mich sehr wichtig und begleitet immer mein politisches Handeln: „Rechte werden einem nicht geschenkt. Man muss sie sich erkämpfen.“

Ich bin mir sicher, dass meine Altersrente anders ausgefallen wäre, wenn ich die Möglichkeit bekommen hätte, in einem Praktikum meine Fertigkeiten und mein Wissen in Betriebswirtschaft unter Beweis zu stellen. Darum ist es mir wichtig, dass das Anerkennungsverfahren ausländischer Berufsqualifikationen für hochqualifizierte Migranten künftig erleichtert wird. Das Anerkennungsgesetz hat nämlich einen sehr großen Korrekturbedarf.

In meiner Gewerkschaftsarbeit geht es nicht um mich. Es geht um die neue Generation, und vor allem um die Frauen. Meine Tochter hat gerade ihr Studium beendet. Ich habe einen Teil dazu beigetragen, dass sie studiert. Hätte ich mich irgendwann fallen lassen, statt zu arbeiten und zu kämpfen, hätte sie kaum eine Chance gehabt.

Das folgende Zitat von Angela Davis, einer berühmten US-amerikanischen Bürgerrechtlerin, inspiriert mein Engagement für die Verbesserung der Situation von Migrantinnen in Deutschland: „Ich akzeptiere nicht mehr die Dinge, die ich nicht ändern kann...Ich ändere die Dinge, die ich nicht akzeptieren kann.“

Cecilia R. ist bei ver.di u. a. im Landesmigrationsausschuss Niedersachen/Bremen ehrenamtlich tätig.

  • Migration und Rente: Die Rentenbiografien von Migrantinnen und Migranten unterscheiden sich oft von denen anderer Beschäftigter

    Migrantinnen und Migranten sind vom Risiko der Altersarmut besonders hart betroffen. Der Grund: Die Höhe der eigenen Rente hängt vor allem davon ab, wie lange man gearbeitet und wie viel man in dieser Zeit verdient hat. Allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen wirken sich auf die Rentenbiografien aus: Immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten unter prekären Bedingungen, der Niedriglohnsektor ist seit den 90er Jahren gewachsen, die Erwerbsbiografien sind unstet. Aber auch die Politik entscheidet darüber, wie viel Geld man im Alter bekommt. Denn die Rente ist „dynamisiert“. Steigen die Löhne, sollten eigentlich auch die Renten üppiger ausfallen – den genauen Umfang legt die Regierung fest. Doch die Politik will, dass die Renten hinter den Löhnen zurückbleiben. Rot-Grün hat vor fünfzehn Jahren beschlossen, die Renten abzusenken. Auch darum gibt es Altersarmut.

    Wer aus einem anderen Land eingereist ist, kommt im Alter meist kaum über die Runden. Denn häufig arbeiten Migrantinnen und Migranten der ersten Generation in schlecht bezahlten Jobs. Sie haben durch fehlende Arbeitsgenehmigungen, Wartezeiten und Umschulungen meist Lücken in ihrem beruflichen Lebenslauf. Und können so nur geringe Rentenansprüche erwerben.

    Hinzu kommt, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft Netzwerke fehlen, dass Sprachbarrieren sich ungünstig auswirken, Berufsabschlüsse nicht anerkannt werden. Zweitweise durften sie nicht arbeiten – auch das schlägt sich in den Renten nieder.

    Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund unter dem Risiko der Altersarmut leiden, ist nicht leicht in Zahlen zu fassen. In der Statistik gilt jeder, der keinen deutschen Pass hat, als Migrant. Eine einfache Methode, an Zahlen zu gelangen – und dabei fehlerhaft. Denn eigentlich sind viel mehr Menschen „Migranten“.

    Mit ihrer Rentenkampagne vor der Bundestagswahl wollen die Gewerkschaften im DGB die gesetzliche Rente stärken. Der Niedriglohnsektor soll bekämpft, Arbeitslosigkeit eingedämmt werden. Außerdem soll eine Erwerbstätigenversicherung eingeführt werden, damit auch Solo-Selbständige gesetzlich rentenversichert sind – entscheidend gerade für Migranten, die besonders häufig in die Selbständigkeit gehen.

    (Monika Goetsch)

Cecilia R.

Cecilia R. Querformat
Foto/Grafik: Veit Mette
Rentenappell
Foto/Grafik: DGB

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